More from Moore

Schade, schade, jetzt kommt Michael Moore auf seiner Lesetour doch nicht nach Frankfurt. Er sollte im November im Mousonturm auftreten. Mein Kollege Kurian und ich hätten gerne mit Michael Moore gesprochen, über seine viel beachtete Fernsehserie TV-Nation zum Beispiel.

Eigentlich wollten Michael Moore und seine Ehefrau und Partnerin Kathleen Glynn überhaupt nicht für’s Fernsehen produzieren sondern in Hollywood Geld für ihren nächsten Film „Canadian Bacon“ locker machen. Auf dem Weg zum Termin mit den TV-Geldgebern überlegten sie sich einige Elemente, die bestimmt jeder Produzent ablehnen würde. Aber weit gefehlt. Die Geldgeber waren begeistert. Also legten Glynn/Moore im Gespräch einige subversive Ideen nach – es half nichts: Die Bosse waren nicht umzustimmen. Fazit des Hollywoodtripps: Kein Geld für „Canadian Bacon“, aber einen Vertrag mit NBC für acht Folgen von TV Nation.

Natürlich hat es ihnen dann sehr viel Spaß gemacht, alle ihre spontan entwickelten Ideen umzusetzen. Am ehesten lässt sich ihr Stil als Action-TV bezeichnen. Das Team inszenierte bestimmte Ereignisse und filmte diese dann. Jede Folge bestand aus acht verschiedenen Stories.

„Love Night“ hieß eine Folge von Segmenten, in denen TV-Nation Hass-Gruppen wie den Ku Klux Klan, Aryan Nation, die Antiabtreibungsgruppe Operation Rescue und Senator Jesse Helms („Helms is not a group but an entire hate movement unto himself“) mit Liebe nur so überschütteten: „Love is all they need.“

Mitten in eine große Klan-Versammlung in Georgia schickte TV-Nation plötzlich die „Love Night Mariachi Band“, die die Klan-Leute mit ihren „Amor“-Gesängen umrundeten. Dann traten die „Love Night Cheerleaders“, eine Gruppe afro-amerikanischer Collegefrauen, auf und überbrachten dem Klan ihre Liebesgrüße: „Two, four, six eight, try love instead of hate!“ Die „white supremacists“ mochten diese Showeinlagen überhaupt nicht, beschimpften die Cheerleader als Nigger und stießen die Mariachis herum. Die neugierigen Zuschauer bogen sich vor lachen – nicht gerade die erwünschte Reaktion für den Klan. TV Nation hat alles gefilmt und im Fernsehen gezeigt.

Ein anderes Element war „It‘s Payback Time“. Nach dem Motto „A Taste of their own Medicine“ setze TV Nation z.B. den Chef von Audiovox, der größte Autoalarmhersteller in den USA, zu nachtschlafender Zeit dem nervtötenden Lärm seines eigenen Produkts aus. Der CEO nahm’s mit Humor, und die Folge konnte ungekürzt ausgestrahlt werden – unter einer Bedingung: Michael Moore durfte nicht verraten, wo der Mann wohnte. Warum wohl? Telefonmarketing, Müllautos, Zeugen Jehovas und Muzak waren andere Ziele der TV Nation-Attacken „It’s Payback Time“.

Mein persönlicher Favorit ist ‘Crackers the Corporate Crime Fighting Chicken’. Der Schaden durch Einbrüche und Raubüberfälle beläuft sich in den USA auf 4 Milliarden Dollar pro Jahr. Ein kleiner Fisch verglichen mit den 200 Milliarden, die sich die großen Konzerne bei diversen Machenschaften unter den Nagel reißen. Ein solch großes Übel kann nur ein Superheld bekämpfen. Crackers war ein 2,10 m großes Huhn, auch wenn einige hartnäckig behaupteten, es sei bloß der kostümierte TV Nation-Autor John Derevlany. Crackers hat sein eigenes Crimemobile, gut ausgestattet mit digitalem Equipment und Handschellen. Damit fuhr er durchs Land, hörte sich die Klagen der Bürger an und stellte dann die Konzernchefs zur Rede. Crackers stellte die unbequemen Fragen, vor denen sich Journalisten normalerweise drücken. Aber lassen wir Crackers selbst sprechen:

„I’ve been on the road for the past few weeks, winging it across America in serach of corporate wrongdoing. I was sticking my big spongy orange beak in the face of come polluters in St. Louis . I was in Detroit, trying to break up the big American media monopolies. … even by chicken standards, Detroit was a tough town. I was physically thrown 10 feet b< security at the site of the local newspaper strike. Yee-ow! That smarts! I’m a chicken. I’m not supposed to fly …I met anywhere from a few hundred to several thousand people in each city – all of them with killer corporate crime tips. In Chicago, where we had about 3.000 people, the crowd was so enthusiastic in it’s anti-corporate fever the city actually called in riot police to shut us down.”

Break

Das war’s für heute, der Drucker wartet schon auf die Datei für unser Programmheft. Demnächst mehr über Michael Moore, besser gesagt über sein drittes Buch „Downsize this“. Auf alle Fälle will Moore seinen nächsten Dokumentarfilm vor der Präsidentschaftswahl 2004 in die Kinos bringen.

Michael Moore/Kathleen Glynn: Adventures in a TV Nation. Pan Books, London 1998, 241 Seiten Bei uns mühelos zu einem vernünftigen Preis über den Buchhandel zu bestellen: 14,50 Euro

Michael Moore: Querschüsse, Downsize this, München 2003, (Piper), 312 Seiten, 12,90 Euro

Michael Moore: Downsize this. Random Threats from an Unarmed American, Pan Books, London 1997, 278 Seiten. Ebenfalls 14,50 Euro und auch über den Buchhandel zu bestellen

©Petra Klaus, Programmheft von Radio X Oktober 2003