Galerie Fruchtig – Fruchtsamples

Die Galerie Fruchtig war drei Jahre lang einer der schönsten Gründe, ins Ostend zu radeln. Kein Wunder also, dass Annette Gloser, die Galeristin im ehemaligen Gewürzlager, zur Frau des Jahres 98 gekürt wurde. Eine Widmung besonderer Art an Annette Gloser und „das Fruchtig“ haben die Textjockeys Walter Baumann und Kasper König und ein Computer, der hier nicht genannt werden möchte, zusammengestellt. Alle ‚Fruchtigs’, die in den letzten drei Jahren in der Frankfurter Rundschau aufgetauchten, sind samt ihres textuellen Umfelds in einem Merve-Bändchen zusammengefasst. Ein großer Teil dieser Texte entfällt natürlich auf „Walters Wochenende“. Die Eingabe des Begriffs „Südliche Zufuhrstraße“ hätte sicher eine ähnlich hohe Trefferquote erzielt. Einen weiteren Teil machen allgemeine Veranstaltungstipps aus, in denen die Galerie Fruchtig ebenfalls erwähnt ist.

Interessant sind aber die Artikel, in denen kein direkter Bezug auf die Galerie genommen wird. Interessant deswegen, weil man anhand dieser Daten aufzeigen kann, wie der Begriff „fruchtig“, der ja ursprünglich ausschließlich Galeriename war, Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat.

Das Frühstücksmüsli in einem Innenstadtcafé wird damit ebenso charakterisiert wie die neue Parfumkreation eines Jeansherstellers, der wie nicht so gut riechendes Erdölderivat heißt. Oliven bekommen im Test das Prädikat fruchtig-aromatisch. An anderer Stelle ist von fruchtig-trockenem, leicht moussierendem Cuvée die Rede oder vom fruchtigen Hochstädter Apfelwein.

Dass der Begriff „fruchtig“ jetzt sogar Eingang in die ärztliche Diagnostik verwendet wird, ist erstaunlich: „Menschen, deren Stoffwechsel aufgrund erhöhter Blutzuckerwerte zu entgleisen beginnt, riechen typisch fruchtig und acetonartig (wie Nagellackentferner) aus dem Mund, man sagt auch ‚wie im Apfelkeller’.“ In der katholischen Kirche wird eher die alkoholische Variante bevorzugt. Fruchtig ging es in der Sachsenhäuser St. Aposteln-Gemeinde zu: Holunderschnaps, Orangenlikör, Rumtopf und eingelegte Kürbisse standen einträchtig nebeneinander. Die Viktoria-Torte im Café in Eberbach am Neckar schmeckt fruchtig-cremig, die Tomatenpflänzchen im Treibhaus wachsen fruchtig, groß und fleischig. Im Opium am Salzhaus gibt das „fruchtig-kräutrige Sößchen den Kick“.

Sogar die hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute wird als erfinderisch-fruchtig attributiert. In der Weinbranche wurde ein neuer Trend über den Begriff in Gang gesetzt: „Die neuen Weine werden fruchtig sein …“ An anderer Stelle hat ein Riesling nicht nur eine filigrane Struktur und geschliffene Säure, nein, er ist auch markant, harmonisch, feinnervig und natürlich fruchtig.

Das Merve-Bändchen belegt sehr schön, wie sich der Begriff Fruchtig in den drei Jahren seit der Gründung der Galerie im Ostend zunehmend im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat. Noch moniert die Rechtschreibkorrektur meines Computers serienmäßig das Wort fruchtig und schlägt stattdessen ‚furchig’ vor, aber auch das wird sich ändern. Jetzt, wo die Galerie in den ehemaligen Lissania-Räumen wieder eröffnet hat, wird der Siegeszug des Begriffs nicht mehr aufzuhalten sein. Ähnlich wie ‚Tempo’ oder ‚Uhu’ wird ‚fruchtig’ ein household word werden. Mittlerweile werden ja selbst Äpfel, Burgundertrauben oder anderes Obst als fruchtig bezeichnet. Es ist sogar vorstellbar, dass derzeitige modische four letter words wie cool oder geil durch fruchtig abgelöst werden. Das wäre doch einfach fruchtig!

TJ Baumann/ TJ König (Hrsg.): FRUCHTIG, Textjockeys on Fruchtsampling. Merve/Berlin, Portikus und rogue/Frankfurt, 1999

©Petra Klaus, Programmheft von Radio X, Februar 2000