Run auf Run – Muskatnuss und Manhattan

 
Auf manchen Landkarten sind die Bandainseln noch nicht einmal stecknadelgroß. Andere Atlanten verzichten gleich ganz auf die indonesischen Miniinseln.

Kaum vorstellbar daher, dass die Inselgruppe im 16. Und 17 Jahrhundert Auslöser erbitterter Seeschlachten und Eroberungskämpfe war und eine weltgeschichtlich bedeutsame Rolle gespielt hat. Damals war das vulkanische Atoll dicht bewachsen mit Muskatnussbäumen. Muskatnüsse waren ab dem 13. Jahrhundert in Europa eine sehr begehrte Kostbarkeit. Der ohnehin schon hohe Preis schnellte noch mal in die Höhe, als Ärzte im elisabethanischen London das Gerücht verbreiteten, Muskatnüsse seien das einzig wirksame Mittel gegen die Pest. Damit war der Aufstieg der kleinen Nuss – bisher nur als Mittel gegen Blähungen und Schnupfen bekannt – nicht mehr aufzuhalten.

Das sollte weit reichende Folgen haben, wie der britische Autor Giles Milton in seinem Buch „Muskatnuss und Musketen“ beschreibt. Als Brite schreibt er ein Stück Kolonialgeschichte aus der Perspektive seines Landes, nicht immer gerade wohlwollend. Die Gegner der Briten, die Holländer und Portugiesen, kommen aber wesentlich schlechter weg. Die Darstellung der Menschen in eroberten und besetzten Gebieten bleibt dagegen recht konturlos, was auf die vorhandene Datenlage zurück zu führen sein könnte.

Die damaligen Handelsfahrten glichen eher Piratenzügen. Vorbeifahrende Schiffe wurden gekapert und geplündert. Den Bewohnern der angesteuerten Inseln erging es nicht besser. Wenn sie Glück hatten, kamen nur Knebelverträge zustande, nach denen sie ihre gesamte Gewürzproduktion den Eroberern zu einem lächerlichen Preis verkaufen mussten. In der Regel wurden die Handelsniederlassungen mit militärischen Mitteln durchgesetzt. All das beschreibt Giles Milton anhand von Logbüchern, Staatsakten, Briefen und Tagebüchern aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Über die detailgenauer Darstellung erhält man eine recht plastische Vorstellung davon, wie Kolonisierung konkret vor sich ging.

„Es ist keine erfreuliche Saga“, meint Giles Milton, „denn die Kapitäne und Expeditionsführer bezeichneten sich selbst zwar als ‚Männer von Qualität’, aber das hielt sie nicht davon ab, Folter, Brutalität und grundloses Gemetzel einzusetzen. So waren die trostlosen Realitäten im Osten, eine raue und blutige Existenz, die ein gelegentlicher Blitz der Menschlichkeit und des Muts erhellte.“

Als Marco Polo 1271 nach China segelte, hatten die venezianischen Kaufleute das vollständige Monopol auf den Gewürzhandel in Europa. Sie bezogen die Gewürze von arabischen Händlern aus Konstantinopel; diese wiederum kauften sie von mehreren Zwischenhändlern. Die Venezianer hielten das Angebot künstlich knapp und die Preise damit hoch. Wo die Gewürze letztlich herkamen, blieb ihr Geheimnis.

Kein Wunder also, dass Seefahrernationen wie Portugal, Spanien, Holland und England daran arbeiteten, dieses Monopol zu durchbrechen und selbst die Gewürzinseln zu finden, waren doch im Handel mit Gewürzen enorme Gewinne zu erzielen.

Als erstes gelang es den Portugiesen, im Jahr 1511 bis auf die Molukken vorzudringen und ihre Schiffe dort mit Pfeffer, Muskatnuss und Nelken vollzustopfen. Aber die Portugiesen kamen nicht als friedliche Händler sondern festigten ihre Stellung mit Waffengewalt, bauten Festungen und unterwarfen die Bevölkerung gewaltsam. Die Bewohner der Molukkensultanate Tidore und Ternate kämpften verzweifelt und vergebens um ihre Unabhängigkeit. Als Zwischenposition eroberten die Portugiesen an der indischen Westküste mehrere strategische Handelsstützpunkte. Aber die Portugiesen sollten nicht lange alleine bleiben. Kolumbus hatte die Gewürzsuche für die Spanier verpatzt und stattdessen 1492 die Westindischen Inseln erobert. Der Portugiese Magellan wiederum hatte es sich mit seiner Regierung verscherzt, konnte aber Karl V. von Spanien davon überzeugen, dass er der richtige Mann für die Suche nach einer Westroute über Amerika zu den Gewürzinseln war.

Die Portugiesen waren fuchsteufelswild, als sie ihr eben erst errungenes Monopol wieder verloren und nach jahrelangen Verhandlungen kauften sie Spanien die Molukken für 350 000 Golddukaten ab.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich europäische Länder die halbe Welt unter den Nagel rissen, geschah sozusagen mit göttlichem Segen: Mitte des 14. Jahrhunderts hatte der damalige Papst von Pol zu Pol eine imaginären Linie über den Atlantik gezogen und alle Länder westlich dieser Linie Spanien zugesprochen, alle Länder östlich davon gehörten Portugal. Inzwischen war die Welt aber rund geworden, was eine Verlängerung der Linie notwendig gemacht hätte. Da aber kaum solides Kartenmaterial existierte, was das fast unmöglich. Es war auch klar, dass sich die Holländer und Engländer nicht mit der verfügten Aufteilung der Welt zufrieden geben würden.

Mit dem Segen von König Elisabeth I. schickte die britisch-ostindische Handelsgesellschaft ihre erste Flotte in den Pazifik los. Ziel waren die sagenumwobenen Bandainseln mit ihren dichten Muskatnusswäldern. Nach einigen finanziell gewinnbringenden, aber seefahrerisch eher katastrophalen Expeditionen gelang es den Engländern, dort Fuß zu fassen.

Wir überspringen hier die meisten der Eroberungszüge und konzentrieren uns auf das grausame und folgenschwere Finale. Der koloniale Konflikt sollte sich im Kampf um den Muskatnussarchipel Run zuspitzen. Eine der wenigen integren Figuren im kolonialen Handelskrieg war der Engländer Nathaniel Courthope, der als treu ergebener Untertan die Handelsniederlassung auf Run gründete und lange Zeit hartnäckig verteidigte. Es sollte Jahre dauern, bis es den Holländern gelang, Run endlich einzunehmen. Die Holländer verwüsteten nicht nur die Bandainseln, sie ermordeten die einheimische Bevölkerung und die wenigen verbliebenen Engländer auf so grausame Art und Weise, dass selbst die eigenen Landsleute in Holland entsetzt waren.

1667 einigten sich die englische und die holländische Regierung auf Ausgleich der entstandenen „Schäden“. Die Holländer sollten Run behalten, den Engländern blieb dafür die inzwischen eroberte nordamerikanische Insel Manhattan, die sie sofort in New York umbenannten.

Nach dem Niedergang des Handels mit den Gewürzinseln konzentrierte sich die Ostindische Handelsgesellschaft ganz auf die Kolonisierung Indiens. Hierzu war sie bestens König Karl II. „legitimiert“ worden: Sie konnte „Gebiete erwerben, Krieg erklären, Truppen ins Feld führen und zivil- und strafrechtliche Gewalt ausüben.“ Der Rest ist mittlerweile zum Glück Geschichte, wenn auch weltweit mit Spätfolgen.

Giles Milton: Muskatnuss und Musketen. Der Kampf um das Gold Ostindiens. Rororo Sachbuch 61367, Oktober 2002, 9.90 Euro

Armin Wertz: Muskatnuss oder Manhattan in Lettre International No 57/2002 – Eine Kurzversion der kolonialen Handelskriege in Ostindien

©Petra Klaus, erschienen im Programmheft Radio X, Januar 2003