Kleine Geschichten – Jhumpa Lahiri

Vielleicht habt ihr über die Feiertage etwas Zeit zum lesen? Vielleicht sucht ihr noch ein Geschenk für Weihnachten? Hier ist eine Empfehlung. Ein Band mit Erzählungen der indisch-amerikanischen Autorin Jhumpa Lahiri – kleine unspektakuläre Episoden oder Szenen aus dem Leben von Leuten, die nicht unbedingt das große Los gezogen haben.

Jhumpa Lahiri wurde 1967 als Tochter bengalischer Eltern in London geboren. Aufgewachsen ist sie in Rhode Island in den USA. Sie studierte Literaturwissenschaft und lebt heute in New York.

Passend zu ihrer Lebensgeschichte bewegen sich ihre Erzählungen zwischen der indischen und der westlichen Welt, erzählen vom Leben der Einwanderer in den USA und beschreiben Besuche von Emigrierten in Indien.

Die Professorengattin Mrs. Sen zum Beispiel fühlt sich einsam in ihrer neuen Umgebung in den USA und versucht, soviel wie möglich von ihrem zurückgelassenen Leben auszubreiten. Als sie die Betreuung des elfjährigen Eliot übernimmt, heitert sich ihr Leben etwas auf: Endlich ist tagsüber jemand da, um den sie sich kümmern kann und der sie mag. Aber die schöne Zeit dauert nicht lange: Mrs. Sen fährt ohne Führerschein und baut einen Unfall. Darauf darf Eliot nicht mehr zu ihr kommen.

Twinkle und Sanjeev kannten sich erst seit kurzem, als sie heirateten; es war keine arranged marriage. Das junge indisch-amerikanische Paar kauft ein schönes, repräsentatives Haus in Connecticut, das sich als wahre Fundgrube christlicher Devotionalien erweist: Heiligenstatuen, Jesusposter, Mariafiguren in absurden Mengen. Sanjeev versteht Twinkle nicht, die entgegen der gemeinsamen hinduistischen Tradition das Haus mit Symbolen der christlichen Religion dekoriert.

Drei der Erzählungen spielen in Indien. Die 62jährige Boori Ma hat nach ihren Worten in Kalkutta ein luxuriöses Leben geführt, bevor sie von dort vertrieben wurde. Jetzt verdient sie sich als Treppenhausfegerin in einem großen Mietshaus das Nötigste zum leben und haust unter der Briefkastenanlage. Die gutmütigen Bewohner des Hauses sind die phantastischen Ausschmückungen von Boori Mas früherem Leben in Kalkutta gewohnt und nehmen sie nicht weiter ernst. Als im Haus kräftig renoviert wird, vernachlässigt Boori Ma ihre Arbeit. Dann wird im Haus etwas gestohlen und die Mieter jagen Boori Ma davon.

Mehr Glück hat Bibi Halder. Die Epileptikerin wird von Verwandten wie eine Gefangene gehalten und nach Kräften in deren Kosmetikladen ausgebeutet. Ihr Wunsch zu heiraten wird als völlig absurd abgetan. Als der Kosmetikladen Bankrott geht, machen sich die Verwandten aus dem Staub und lassen Bibi Halder einfach zurück. Die Nachbarn entdecken eines Tages, dass Bibi schwanger ist und kümmern sich um sie. Als ihr Sohn geboren ist, helfen sie ihr, den Kosmetikladen wieder in Schwung zu bringen. Wer der Vater des Kindes ist, weiß keiner. Bibi Halder ist jedenfalls geheilt.

Jhumpa Lahiri: Melancholie der Ankunft, Karl Blessing Verlag, München 2002, 9 Euro

©Petra Klaus, Programmheft Radio X, Dezember 2002