DJ-Culture von Ulf Poschardt


Laut Ulf Poschardt ist der DJ eine Person, die nicht nur für sich oder ihre Familie, Freunde oder Bekannte Platten auflegt sondern für eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit.

Nach dieser Definition war der Ingenieur Ronald A. Fessenden der erste DJ, als er am Heiligabend 1906 in Brant Rock/ Massachussets das Largo von Händel im Radio spielte. Dieser Akt war zugleich die Geburtsstunde des Radios als publizistisches Medium.

Bis zur Erfindung der Clubs und Diskotheken während des zweiten Weltkriegs sollte das Medium Radio das einzige Betätigungsfeld für DJs sein. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg waren die Zugangsmöglichkeiten zu Frequenzen in den USA ungeregelt, prinzipiell konnte jeder einfach lossenden. So entstand in dieser Zeit eine Fülle von Einmannradios. Neben der Moderation war für diese Radioenthusiasten das Abspielen von Schallplatten die einzige Möglichkeit der Programmgestaltung.

1911 wurde Dr. Elmar B. Myer in New York mit seinem 18-Stundenprogramm der erste hauptberufliche DJ. Seine Frau Sybil spielte aktuelle Hits für ein jüngeres Publikum und ging 1914 als erster weiblicher DJ in die Geschichte ein. In den Plattenläden stieg der Absatz der Platten, die zuvor auf den Garagensendern zu hören waren. Die ersten Playlists tauchten auf.

Erst im November 1920 wurde die erste offizielle Lizenz an einen Sender erteilt, der neben Musik auch Sport und Politik brachte. Die USA waren in diesen Jahren eindeutig das Land der Radioavantgarde. 1922 wuchs die Zahl der Radiostationen innerhalb eines halben Jahres von 60 auf 564.

Ab 1927 stieg die Zahl der im Radio abgespielten Schallplatten stark an, was wiederum die Schallplattenproduktion ankurbelte. Die ersten Copyright- und Aufführungsstreitigkeiten entstanden, und die ersten Bestechungsgelder an die DJs flossen; „Pay to play“ oder Payola wurde zum festen Begriff dafür.

Der erste wirkliche Star unter den Radio-DJs war Anfang der 30er Jahre der ehemalige Handelsvertreter Martin Block. Bei einem New Yorker Sender entwickelte er eine Sendeform, die Show, Journalismus und Musikprogramm zugleich war, den „Make Believe Ballroom“. Zwischen den Musiktiteln führte Block Phantasiegespräche mit den Musikern. Mit Croonerstimme präsentierte Block Abführmittel, Stars und Musik wie aus einem Guß. Block schaffte es, vier Millionen Menschen an die Lautsprecher zu kriegen. Bis zu 12.000 Fanbriefe landeten wöchentlich in seiner Redaktion. Die Sponsoren stürzten sich auf ihn. Das unglaubliche Potential der DJs war nicht mehr zu überhören.

Noch zu Hochzeiten Blocks kamen die Hitparaden in Mode, ohne die Frank Sinatra oder Nat King Cole wohl nie zu Superstars aufgestiegen wären. Die Hitparaden brachten mehr als 45 Millionen Menschen an die Radioempfänger und senkten die Haltbarkeitsdauer der Hits rapide. Hielt sich ein best-selling-song in den 30er Jahren noch 18 Monate am Leben, waren es Anfang der 40er Jahre gerade noch vier Monate. Die Schallplattenindustrie beschleunigte ihre Produktion erneut.

Von den Hitparaden war es zur „Diktatur des Musik-Mainstreams“ – dem Top-40-Radio nur noch ein kleiner Schritt. Die Etablierung des Top-40-Radio war auch eine Antwort auf den Siegeszeug des Fernsehens in den 50ern im Kampf um Publikum. Der Musikwissenschaftler David T. MacFarland führt den Erfolg des mainstreamorientierten Top-40-Radio auch auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nach dem 2. Weltkrieg zurück: Die Vorstädte wuchsen in dieser Zeit rapide; das hatte zur Folge, daß immer mehr Menschen Zeit in ihren Autos verbrachten und Autoradio hörten.

Seit dem Ende des 2. Weltkrieges sank auch das Durchschnittsalter der US-Bevölkerung ständig. Den Geschäftsleuten ging auf, daß in dieser Bevölkerungsgruppe mit ihren „ganz separaten Bedürfnissen und einem eigenen Geschmack ein enormes kommerzielles Potential“ lag. Für den Musikkritiker Nik Cohn ist das Entstehen des Youth Markets eine der wichtigsten Grundlagen des Pop. Historischer Markierungspunkt ist für ihn Bill Haleys „Rock around the Clock“, von dem 1954 weltweit 15 Mio. Kopien verkauft wurden. Als Folge davon verdreifachten sich nahezu die Einnahmen aus Plattenverkäufen in den Jahren 54 bis 59.

Eine zeitlang schienen die DJs im Top-40-Filter unterzugehen; Payola-Skandale taten ihr übriges. Doch einzelne Radio-Persönlichkeiten mischten in der neu entstandenen Popwelt mit. Mit dem Aufkommen des Rock’n’Roll wurde ein ganz neuer Typus von DJ populär, nahezu perfekt verkörpert durch den Superstar Alan Freed.

Als erster weißer DJ featurte Alan Freed konsequent und kompromißlos schwarze Musik – Rock’n’Roll. Manche sahen darin eine Ausbeutung schwarzer Musikkultur, andererseits hatten schwarze Menschen zu der Zeit kaum aktiven Zugang zum Medium Radio. Freed’s „Moon Dog Show“ war den Politikern der McCarthy-Ära und der Kirche ein Dorn im Auge. Freed’s Karriere wurde durch diverse Payola-Skandale ruiniert. 1963 wurde er verhaftet, weil er von Plattenfirmen insgesamt $ 30.650 angenommen hatte. 1964 wurde er auch noch wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Ein Jahr später starb Alan Freed verarmt und krank im Alter von nur 42 Jahren. In dieser Phase wurde eine Reihe von DJs wegen Bestechung angeklagt, doch Freed erhielt die härteste Strafe. „Mit Freed hatte das Establishment denjenigen gerichtet, der sich ganz dem Rock’n’Roll verschrieben hatte, einer Musik also, die ihre schwarzen Wurzeln und ihren rebellischen Charakter nicht verbergen wollte.“ kommentiert Ulf Poschardt das Verfahren.

DJs fanden Eingang auch in die Literatur, Thomas Pynchon setzt in „The Cry of Lot 49“ dem DJ das erste literarische Denkmal: Mucho Maas ist sensibel, eher depressiv und leidet darunter, den Leuten etwas verkaufen zu müssen. Ganz anders ist der tatsächlich existierende Murray the K (Kaufmann), den Tom Wolfe in „The Fifth Beatle“ portraitiert hat. Für seine Show hatte Murray the K. eine eigene Sprache entwickelt, eine wilde Mischung aus undefinierbaren Lauten, Wortfetzen und schwarzem Slang: „Ahbay, ahby, ooh wah wah, ahbay, ooh wah wah, koowee summa summa“. Für Tom Wolfe war Murray ein Genie, der „wahrscheinlich hysterischste Ur-Disk Jockey“. Murrays Stil wurde überall in den USA nachgeahmt, oft noch wilder als das Original. Doch Murrays Stern sank und seine Show wurde ins Abseits gedrängt. 1964 schaffte er es, auf dem John F. Kennedy-Airport die riesige Pressekonferenz zur Ankunft der Beatles zur einer Show für sich umzufunktionieren und die Beatles zu echten Antworten zu bewegen. Das rettete schließlich seine Karriere. Die Bealtes sagten ihm ab diesem Zeitpunkt, was immer er wollte, aufs Tonband. Murray wurde zum „5th Beatle“ und seine Radioshows lieferten den Soundtrack für das damalige Lebensgefühl.

Im selben Jahr, in dem Murray the K die Beatles erobert hatte, setzten die US-amerikanischen Bombenangriffe auf Nord-Vietnam ein. In dieser Phase spaltete sich die Popkultur in den konformen, staatstragenden Mainstream und den kritischen, sehr heterogenen linken Underground auf.

1967 eröffnete der langjährige Top-40-DJ Tom Donahue in San Francisco einen psychedelischen Nachtclub und übernahm die Radiostation KMPX. Auf KMPX liefen jetzt ausgedehnte LP-Versionen der psychedelischen Hits des „Summer of Love“, und die DJs redeten, wie alle Hippies damals redeten; Hipspeak hieß der spezielle Code der Szene. Die DJs gaben sich keine Mühe zu vergeben, daß sie zwischen den Worten ihrer Ansagen an ihren Joints zogen.

Neben den Musikern waren die DJs die großen Identitätsstifter des Underground. Sie zogen die Grenzen zwischen Underground und Mainstream. Nur Bands wie die Beatles, die Stones und einige wenige andere waren undergroundkompatibel und wurden auf KMPX gespielt. KMPX spielte in erster Linie völlig unbekannte Bands wie Jefferson Airplane oder Greatful Dead und wurde so zum Motor der Acid Rock-Bewegung. Sein albumorientierte Format wurde zum Vorbild für viele kleine Stationen.

Eine besondere Rolle in der DJ-Geschichte nehmen die schwarzen DJs ein. Die ersten Radioprogramme, die in den 20er Jahren „Race-Music“ spielten, versuchten, in erster Linie „typische Gettogüter“ zu verkaufen: gebrauchte Möbel, Kutteln und Patentmedizin. Aber in den 30er Jahren verschafften sich einige schwarze DJs mit einer Mischung aus schwarzem Slang und weißer Mittelstandssprache Respekt in der Öffentlichkeit. Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden die ersten ausschließlich schwarzen Labels für schwarze Musik, und R&B wurde so auch außerhalb des Gettos zugänglich.

Erst in den 40er Jahren wurden die ersten schwarzen Stationen gegründet. 1954 waren es immerhin schon 400. In allen Zentren mit großen schwarzen Communities gab es eigene Radiostationen, die die aufkommenden schwarzen Labels aktiv unterstützen.

1947 fand die Zeitschrift ‚Ebony‘ nur 16 Afro-Amerikaner unter insgesamt 3000 DJs. Ein erfolgreicher schwarzer DJ damals war der ehemalige Prediger Al Benson. Er besaß eine eigene Plattenfirma, war Konzertveranstalter und verdiente als Radio-DJ sehr viel Geld. Ähnlich wie Martin Block war er ein genialer Verkäufer: „If black disc jockeys could sell their sponsor’s products to black consumers then they could sell race pride.” 1950 warf Benson von einem gemieteten Flugzeug aus antirassistische Flugblätter über dem Rathaus von Jackson/Mississipi ab.

WDIA in Memphis wurde 1948 die erste all black Station. Zum ersten Mal konnte sich in Tennessee ein DJ öffentlich zu seiner Hautfarbe bekennen.. Spätere Superstars wie B.B. King und Rufus Thomas waren DJs bei WDIA. Carla Thomas und Isaac Hayes sangen im Chor des Radiosenders. Einer der fleißigsten WDIA-Hörer war Elvis Presley. Von ihm stammt auch die Äußerung, daß Musik ein weißes Gesicht brauche, um akzeptiert zu werden. Kein Wunder, daß Public Enemy auf Elvis nicht gut zu sprechen sind.

Die DJs der R&B-Stationen standen mit ihren kreativen Moderationen der Musik in nichts nach. Sie entwickelten eigene Sprachstile – eine Art Vorläufer des heutigen Rap. Hiptalk, Rap, Scat, Jive und Doubletalk waren verschiedene schwarze Moderationsstile. Der Satz „If you want to hip to the tip and bop to the top you get some mad threads that just won’t stop“ findet sich im Wörterbuch „The Jive Of Dr. Hep Cat“ und wird bis heute im HipHop zitiert.

Der schwarze Moderationsstil kam so sehr in Mode, daß ein Sender in New Orleans den afro-amerikanischen DJ Dr. Daddy O Daylie beschäftigte, um den Weißen beizubringen, wie Schwarze zu sprechen. Als Daddy O wagte, selbst das Mikro zu ergreifen, wurde er gefeuert.

Mit ihren Sprachkünsten und ihrer Art der Moderation nahmen die DJs direkten Einfluß auf die Entwicklung der schwarzen Musik. Auch Sly Stone hatte seine Karriere als Radio DJ begonnen. Zu seinem Stil gehörte es, die Nachrichten oder den Wetterbericht schon mal zu singen. Für ihre Communities wurden die DJs zur zentralen Bezugsperson. So bat der Polizeipräsident von Atlanta den DJ Jack Gibson, bei Konflikten im Ghetto über das Radio die Menschen zu beruhigen.

Aber selbst berühmte schwarze DJs wurden schlechter bezahlt als ihre weißen Kollegen. Payola wurde für sie zur lebensnotwendigen Einkommensquelle.

In den 60er Jahren wurde Soul – auch als Begriff – zu einem Symbol schwarzer Identität. Im Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegung entstanden in Detroit das Motown-Label und in Memphis das Pendant Stax. Wieder förderten die Radiostationen den neuen Sound. „Soul Brother Number One“ James Brown band die Radio-DJs in seine Show ein und gab ihnen einen Teil seiner Einnahmen. Im Gegenzug wurde jede seiner Platten im Radio gespielt.

In der Nacht, in der Martin Luther King ermordet wurde, war Brown in Boston und er wollte sein Konzert für den nächsten Tag absagen. Der Bürgermeister von Bosten überzeugte ihn, dazubleiben und im Fernsehen aufzutreten. Browns Message war: „Don’t terrorize. Organize. Don’t burn. Learn.“ Gleichzeitg hatten schwarze DJs überall in den USA Sonderschichten eingelegt – teilweise gegen den Willen der weißen Radiobosse –, um ihre Communities zu beruhigen.

Gedankt wurde ihnen dieser Einsatz nicht. Del Shields, einer der DJs, sagte: „Als Amerika in jenen Tagen auf den schwarzen Rundfunk schaute, ging ihnen plötzlich auf, daß das ja eine gewaltige Macht war. Hätte in jeder großen Stadt ein schwarzer Diskjockey gesagt ‚Schlagt los‘, es hätte ein Inferno gegeben. Und diese Nacht bedeutete dann auch den Anfang vom Ende des schwarzen Rundfunks. Niemals ließ man ihn wieder hochkommen.“

©Petra Klaus, Radio X-Programmheft, Mai 1999

Von Petra Klaus nacherzählt nach Ulf Poschardt: DJ-Culture, Reinbek bei Hamburg 1997

Sondersendung zum Thema DJ-Culture am So, 09. Mai, 12 – 14 h zusammen mit Weller