Ein Künstler unter Künstlern

Im Juliheft hatte ich Vicki Baums ausgezeichnetes Buch „Liebe und Tod auf Bali“ vorgestellt. Ich hatte mich gewundert, wie Vicki Baum in den wenigen Monaten, die sie auf Bali verbrachte, so gut das Wesen, die Kultur und das Leben der Balinesen kennen lernen konnte. Kurz nachdem ich den Text geschrieben hatte, fand ich in der neuesten Ausgabe von Lettre International die Antwort im Essay „Tanzen auf Bali“. Armin Wertz beschreibt darin die Geschichte des deutschen Künstlers Walter Spies, der 13 Jahre lang auf Bali lebte.

1895 in eine angesehene Kaufmannsfamilie geboren, lebte er erst in Moskau, später in Berlin. Er war ein durch und durch künstlerischer Mensch. „Walter brachte Musik in seine Gemälde und die Malerei in seine Musik“, schrieb ein Zeitgenosse. Walter Spies gelang es, dem Leben auch unter widrigen Umständen künstlerische Seiten abzutrotzen. In den Jahren seiner Internierung in Russland schaffte er es beispielsweise, seine Wohnung in eine Art tatarische Zeltstatt mit einem Klavier mittendrin zu verwandeln. Zurück in Berlin stürzte er sich in das Kulturleben der Nachkriegsjahre und verkehrte mit allen bedeutenden Musikern und Künstlern.

1923 verließ Walter Spieß Deutschland für immer und fuhr nach Java. Die holländischen Kolonialherren dort lernte er als „ungebildet, flegelhaft, dumm, borniert eingebildet“ kennen. Umso mehr hatten es ihm die „lieben, ernsten“ Javaner, ihre Kunst und ihre Musik und selbstverständlich ihre Landschaft angetan.

Nach kurzer Zeit machte ihn der Sultan von Java zum Leiter seines Orchesters, das bei offiziellen Anlässen auch in der Lage sein musste, europäische Musik zu spielen. Walter Spies lernte javanisch und beschäftigte sich ernsthaft mit Gamelanmusik. Er fing wieder an zu malen und hatte bald seine erste Ausstellung in Surabaya.

1926 fand Spies auf Bali seine endgültige Heimat. Er baute sich ein Haus, malte, erforschte die Natur der schönen Insel, studierte weiter Gamelan und lernte Holzschnitzerei. Er liebte das Leben auf Bali und seine Bewohner.

Walter Spies wurde zum beliebten Gastgeber für Reisende aus Europa und den USA und so kam auch Vicki Baum in sein Haus. In dem Vorwort zu „Liebe und Tod auf Bali“ dankt sie „Dr. Fabius“ für seinen Anteil an ihrem Buch, der nicht gerade gering war: Walter Spies überließ ihr einen Koffer mit Mauskripten, Tagebuchblättern und Aufzeichnungen. Mehr noch: Einige Jahre später erklärte Vicki Baum in einem Interview, Walter Spies habe die Entstehung des Manuskriptes genau überwacht und auf die richtige Beschreibung der balinesischen Sitten und Traditionen geachtet.

Das paradiesische Leben von Walter Spies endete abrupt. Als die deutsche Armee die Niederlande besetzte, internierten die Holländer alle Deutschen, die in Indonesien lebten. 1942 sollte ein Schiff Walter Spies und seine Mitgefangenen nach Ceylon bringen. Unterwegs wurde es von einer japanischen Bombe getroffen und sank langsam. Der holländische Kapitän weigerte sich, ohne Befehl die deutschen Gefangenen aus ihren Zellen zu lassen. So ertranken alle im Bauch des Schiffes.

Das waren nur kleine Ausschnitte aus dem Leben von Walter Spies. Der Essay „Tanzen auf Bali“ zeigt noch viele Facetten dieser schillernden und faszinierenden Persönlichkeit.

Armin Wertz: Tanzen auf Bali in: Lettre International, Berlin Sommer 2003, Seite 50 ff

©Petra Klaus, Programmheft Radio X, September 2003