A Dedicated Follower of Fashion – Vivian Westwood

Vivian Westwood gilt als eine der bedeutendsten Designerinnen der Gegenwart, auch wenn sie ihre besten Kollektionen schon hinter sich hat, und heute viel jüngere Modedesigner tonangebend sind.

Jane Mulvagh zeichnet in ihrem 500-Seitenwälzer „Die Lady ist ein Punk“ den Weg der britischen Modeschöpferin und Autodidaktin nach – vom ländlichen Nordengland über die heisseste Punk-Szene in London bis zum etablierten, aber immer noch schlecht geführten Business mit einem Jahresumsatz von 30 Mio.

Eigentlich begann Vivian Westwoods Werdegang schon lange, bevor Punk hier bei uns ankam. Durch ihren Bruder lernte Vivian 1965 den revolutionär gesinnten und verwöhnten Kunststudenten Malcolm McLaren kennen. Sie verliebt sich in ihn und zieht mit ihm zusammen. 1967 wird der gemeinsame Sohn Josph Corré geboren, und Vivian sorgt als Grundschullehrerin für den Lebensunterhalt der Familie.

Bereits 1971 eröffnen McLaren und Westwood ihren ersten Laden „Let it Rock“ in der Kings Road 430. Der Laden verkauft zunächst Originale aus der Teddy Boy-Mode. Aber als diese schnell ausgingen, muss Vivian ran und mit Selbstgenähtem für Nachschub sorgen. Ihre Arbeiten kommen viel besser an als die Originale, und schon bald zählen illustre Gestalten wie Ringo Starr oder David Essex zu den Kunden von „Let it Rock“.

1973 erscheint Vivian zum ersten Mal in der Presse, nachdem das Magazin West One sie zu einer der London Beauties gekürt hatte. Sie trug ein enges wadenlanges Nadelstreifenkostüm, dazu Lackstiefeletten aus ihrem Laden. Wenig später übernimmt David Bowie ihre stachelige und mit Gel in Form gehaltene Frisur.

1974 verwandelten McLaren und Westwood „Let it Rock“ in SEX und verkauften dort eine Mischung aus S&M-Ausstattungen und Vorläufern der Punk-Bondagemode. Vivian entwirft zunehmend eigene Sachen, z.B. die mit Knochen und Botschaften verzierten T-Shirts, die heute Liebhaberpreise von 1.000 Pfund erzielen.

Endlich: 1975 werden die Sex-Pistols gegründet, Malcolm McLarens erfolgreichstes Produkt. Vivian entwirft die Klamotten für die Ursymbole des britischen Punk. Auch wenn McLaren das nicht zur Kenntnis nehmen will: Vivian Westwood entwickelt zunehmend eigenständige Designs und ist nicht mehr nur McLarens Näherin. „Sie stand mit Sicherheit nicht in McLarens Schatten“, erinnert sich ein Zeitzeuge. „Sie stach sofort ins Auge, und er stand da wie Piksieben – ein langweiliger Trottel.“

McLaren bestand darauf, dass seine Partnerin aktuelle Streetstyles in ihre historisch betonten Designs einarbeitete. Die Kollektion „Pirates“ aus dem Jahr 81, von Adam and the Ants weltweit bekannt gemacht, ist ein gutes Beispiel für die Fusion aus Straßenmode und Geschichte.

Bekannte Modeschöpfer imitierten zunehmend Vivians Entwürfe, während sie unter immer noch katastrophalen finanziellen Bedingungen arbeitete. Der Einfluss McLarens schwand, andere Männer übernahmen seine Rolle als Inspiratoren, zuletzt der österreichische Ehemann Alexander Kronthaler, dem mit Sicherheit der Blick für Streetculture fehlte, den McLaren sich bis heute bewahrt hat.

Jane Mulvaghs Buch ist gut recherchiert und zeichnet ein realistisches Bild der englischen Modeschöpferin. Vor allen Dingen überlässt sie es dem Leser, sich anhand des umfangreichen Materials selbst eine Meinung zu Vivian Westwood zu bilden

Und was hat das ganze mit Radio zu tun? Mehr als man zunächst denkt, wenn auch eher indirekt. Punk machte endgültig Schluss mit dem Stadium-Rock der Siebziger Jahre, mit dem lähmenden Bombastsound von Bands wie Genesis oder Yes. „Wenn Du drei Akkorde kannst, dann gründe eine Band“ hieß die Punkdevise. Die Musikproduktion zog die Gründung von Independet-Labels und –vertrieben nach sich, und neben dem Mainstream entstanden neue Clubs und Plattenläden. Strukturell wirkt dieser Einschnitt immer noch positiv nach, auch wenn sich die Musik seitdem zum Glück grundlegend verändert hat, und Punks heutzutage eher altmodisch und so gar nicht urban wirken. Independent Radiostationen sind auch eine Auswirkung davon.

Jane Mulvagh: „Die Lady ist ein Punk“ Vivian Westwood, München 2001, 519 Seiten, DM 16,90

© Petra Klaus, März 2001, Programmheft Radio X

PS. Mittlerweile gibt es in den urbanen Zentren die neuen Punks des 21. Jahrhunderts, sozusagen das Update.