75 Jahre Rundfunk – ein Jubliläum

Am 23. Oktober 98 wird das Medium Radio in der BRD 75 Jahre alt. 1923 ging in Berlin der erste Ton über den Äther. In den Pionierjahren des Rundfunks spielte Frankfurt eine bedeutende Rolle. Nach Berlin und Leipzig wurde hier 1924 die dritte Radioanstalt der Weimarer Republik aus der Taufe gehoben.

Beinahe hätte die Reichspost die Lizenz nach Kassel und nicht nach Frankfurt vergeben. Philipp Scheidemann, der ehemalige erste Präsident der Weimarer Republik, war damals Oberbürgermeister von Kassel und hatte aufgrund seiner Berliner Zeit gute Beziehungen zur Reichspost. Daß alles gut ging, lag an dem Engagement von Carl Schleussner, dem Gründer der Radio Frankfurt AG. Gegenstand der AG war „die Veranstaltung und drahtlose Verbreitung von Vorträgen, Nachrichten und Darbietungen künstlerischen, belehrenden, unterhaltenden sowie sonst weitere Kreise der Bevölkerung interessierenden Inhaltes in Frankfurt“. (S. 79)

Und so ging am 1. April 1924 Radio Frankfurt auf Sendung. Das Studio lag im 5. Stock des Postscheckamtes in der Stiftstraße. Die meisten werden sich an das Gebäude noch erinnern. Das Gründerzeitgebäude wurde vor ca. drei Jahren abgerissen; seitdem klafft dort eine Baulücke, umzäunt von Plakatwänden. Auf dem Dach des Postscheckamtes stand auch die Antenne. Die Verwaltung des Senders war in der Elbestraße untergebracht.

Im ersten Jahr sendete Radio Frankfurt nur drei Stunden täglich, steigerte sich aber schnell. Etwa im selben Maße wuchs die Anzahl der Hörerinnen und Hörer. 1929 sendete Radio Frankfurt zwölf Stunden täglich und erreichte ca. 130.000 Menschen.

Das Konzept des Senders beschrieb der Gründer Carl Schleussner so: Der Sender „wird unseren Jüngsten das Märchen vom Rotkäppchen erzählen und unseren Jungen die Erzählung vom Siegfried und die deutschen Heldensagen. Er wird ernste und heitere Musik bieten, wissenschaftliche und humoristische Vorträge. Er wird Handelsnachrichten und Nachrichten allgemeiner Art verbreiten und dem Landwirt rechtzeitig Wetternachrichten übermitteln.“ (S. 81)

Daß trotz dieses konventionellen Konzeptes und der konservativ-nationalistischen Einstellung Carl Schleussners der Frankfurter Sender eine der modernsten deutschsprachigen Rundfunkstationen wurde, war auf eine glückliche Konstellation von Personen zurückzuführen.

Neben Carl Schleussner waren am Aufbau maßgeblich zwei weitere Personen beteiligt. Wilhelm Schüller und Hans Flesch. Die Namen sagen uns heute nichts mehr, in Bornheim gibt es immerhin eine Fleschstraße. Schüller und Flesch interessierten sich sehr für die theoretisch-publizistische Seite des neuen Mediums und schrieben darüber zahlreiche Artikel für verschiedene Zeitschriften. Hans Flesch war der innovative und originelle Part der beiden. Ein Zeitgenosse beschrieb ihn als „modern bis in die Fingerspitzen, allem Neuen zugewandt, keiner irgendwie gearteten Form verhaftet“(S. 85). Flesch gab dem Frankfurter Sender seine moderne Prägung. Sein Ruf als Radiomann reichte weit über Frankfurt hinaus. 1929 wurde als Intendant zum damals größten Sender in Berlin berufen, den er bis 1933 leitete.

Verschwägert war Flesch mit Paul Hindemith, was nicht ohne positive musikalische und inhaltliche Folgen für Radio Frankfurt bleiben sollte. Fleschs theoretische Überlegungen waren denen von Bert Brecht und Walter Benjamin recht ähnlich. So vertrat er die Ansicht, „daß die Sendung das Gesendete in seinem Wesen verändert und daß der Rundfunk sich über diese Veränderung von Wort und Musik in seiner Produktion stets bewußt sein muß.“ (S. 83)

Von Anfang an standen Tonexperimente auf dem Programm: Fleschs eigene Arbeiten waren nicht herausragend; aber neben seine theoretischen Beiträgen bestand seine besondere Leistung in der Auswahl der Mitarbeiter und Autoren von Radio Frankfurt. Der Stamm der festen Mitarbeiter war klein, die Lebendigkeit des Programms entstand durch Beiträge der vielen Freien. Hinzu kam, daß die einzelnen Ressorts nicht streng voneinander getrennt waren, sondern sich gegenseitig zuarbeiteten und ergänzten. Zur Entwicklung neuer Rundfunkgenres Reportage, neue Musik, Hörspiel und freies Streitgespräch hatte der Frankfurter Sender wesentlich beigetragen.

Die Mitarbeiter von Radio Frankfurt blieben nicht in den Studios hocken sondern gingen an den Ort des Geschehens. So besuchten drei Reporter im Juni 25 eine Ruderregatta am Main. Während der Conférencier seinen lauen Späßchen machte, ging das Rennen auf dem Wasser seinem Höhepunkt zu. Einer der drei Männer von Radio Frankfurt hielt das nicht aus:

„Plötzlich riß ich das Mikrophon vom Ständer aus der Reichweite des verdutzten Conférenciers und eilte ans Ufer, schilderte hingerissen die scharfe Auseinandersetzung der Boote auf dem Wasser. Ich zeichnete, die Leistungen gegeneinander abwägend, mit wenigen Strichen das Bild, das sich da am Zielplatz darbot, … [endete] … mit der Durchsage der Resultate.“ (S. 84)

So erinnert sich der Reporter Paul Laven fünfzig Jahre später. Die beiden anderen Männer waren Hans Flesch und sein schon erwähnter Schwager Paul Hindemith. Es war Hindemith, der bemerkt hatte, wie unpassend die Moderation des Conférenciers war. So wurde die Sportreportage im deutschen Rundfunk geboren. Für uns heute gang und gäbe, 1925 ein wirklich funkisches Ereignis, ganz im Sinne der damals herrschenden „Neuen Sachlichkeit“, die dem Modernismus und dem Großstädtischen in allen Dingen zugewandt war.

Dazu gehört auch ein besonderer Typ von Reportage, den Paul Laven entwickelte, „Die verirrten Mikrophone“, die zu einer der beliebtesten Radiosendungen avancierten. Paul Laven erinnert sich: „Es begann an der Frankfurter Hauptwache um 20 Uhr. Das Mikrophon in den Wirbel des Verkehres gestellt war zum ersten Mal, ohne ein Ereignis festhalten zu wollen, dem Studio, seinem verlesenen Vortragsdienst und Rollenwechsel, allem künstlichen Geräuschzauber fern. Das, was der Zufall vor und hinter erbautem, unmittelbar in Worte gekleideten Bild herbei- und vorbei führte, galt es in einem amüsanten Mosaik … zusammenzufügen. Zehn Minuten später brauste der Rundfunkwagen zum Hauptbahnhof. Während der Sender, mit dem wir neben der Übertragungsleitung Verbindung hatten, meldete, daß Anrufe mit Fragen und guten Wünschen sich mehrten, trug ich das Marmormikrophon eilends an die Lokomotive eines einfahrenden Zuges …“ (S. 85f) Nach mehreren Stationen in der Innenstadt endet die Reportage auf dem Glockenturm des Doms.

Dank der Vorlieben von Hans Flesch und den Aktivitäten von Paul Hindemith nahm der Frankfurter Sender eine herausragende Rolle in der Förderung moderner Musik ein. So wurden einzelne Komponisten durch Auftragsarbeiten unterstützt. Hindemith komponierte z.B. „Minimax“ und „Drei Anekdoten für Radio“.

Es wurde eine eigene Sendereihe „Studiokonzert“ eingerichtet. Zu den jeweiligen Sendungen gab Theodor W Adorno theoretische Einführungen, die wegen ihrer Länge nicht unbedingt jedermanns Geschmack waren, ebensowenig wie die Musik selbst: „Wer von der großen Menge kennt schon Herrn Dr. Wiesengrund-Adorono? … ein dunkler Punkt im Programm und ein rotes Tuch.“ (S. 87)

Das Hör- oder Sendespiel war eine weitere Experimentierform. Ernst Schoen, der 1929 als Nachfolger von Hans Flesch künstlerischer Leiter wurde, legte besonderen Wert auf die „unliterarischen, stofflich und sachlich bestimmen Hörspiele“. Hörspiele betrachtete er als soziologische Experimente, hier drückt sich die geistige und persönliche Nähe zu Benjamin und Brecht aus. Die passiven Elemente „Unterhaltung und Belehrung“ sollten durch die aktiven „Spiel und Arbeit“ ersetzt werden. Etliche Hörstücke Brechts wurden in Frankfurt gesendet. 1931 schrieb Paul Hindemith eigens für die Aufführung im Frankfurter Sender „Wir bauen eine neue Stadt“.

Über den Rundfunkvortrag schrieb Hans Flesch: „Der Rundfunk-Essayist müßte vor dem Mikrophon und ohne nähere Vorbereitung als die seines wirklichen und gründlichen Wissens, seiner Beherrschung der Materie und seiner Überlegenheit über die Schwierigkeiten des sprachlichen Ausdrucks im Augenblick des Sprechens, dem gleichen Augenblick, in dem gehört wird, frei und zwanglos seinen Gedanken sprachliches Leben verleihen.“ (S. 89) Dieses Ideal lösten die meisten seiner Autoren nicht ein. Auch die Vorträge Walter Benjamins bildeten da keine Ausnahme; sie waren für ihn in erster Linie lästiger Broterwerbs, seine Kreativität entfaltete er eher in der Produktion von Kindersendungen. Die Radiovorträge nahmen zwar einen beträchtlichen Teil des Programms ein, wurden als Genre nicht betreut. Man vergab die Sendezeit an Uniprofessoren und Autoren der Frankfurter Zeitung. Auch wenn die Radiovorträge keine hervorragenden Leistungen im Medium waren, begründeten sie die bis in die Gegenwart reichende Radiounsitte, das Medium mit einer gesprochenen Zeitung zu verwechseln und keine rundfunkspezifische Lösungen für die Inhalte zu entwickeln.

Die „Gedanken zur Zeit“- ab Ende 1927 im Programm – kamen dem Ideal des Rundfunks als Forum intellektueller Auseinandersetzung schon näher. Zur beliebten Sendezeit sonntags zwischen 18 und 18.30 konnten Redner ohne Vorgaben für Form und Inhalt in dieser Meinungssendung ihren Standpunkt darlegen. Ernst May sprach über das soziale Moment im neuen Bauen; Le Corbusier lieferte den Beitrag „Der neue Stil – ein Weltstil“, Gropius erläuterte die Idee des Bauhauses, und der Psychiater Hans Prinzhorn sprach über „Neue Fragen der Seelenkenntnis“.

Im August 1932 erhielten alle deutschen Sendeanstalten ein Schreiben der Deutschen Reichspost, in dem ihnen die Lizenz entzogen wurde. Die Rundfunkanstalten wurden verstaatlicht. Am 1. Februar 33, also zwei Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, wurde die Frankfurter Betriebs-AG in eine staatliche Gesellschaft umgewandelt. Die ersten Mitarbeiter mußten gehen. Neun Jahre fortschrittliche und kreative Radiogeschichte gingen damit zu Ende.

© Petra Klaus, Radio X-Programmheft, Oktober 1998

(Nacherzählt nach Wolfgang Schivelbusch: Radio Frankfurt in: Intellektuellendämmerung, S. 78ff, Frankfurt 1987, vergriffen.